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Wunschferien


Herr Sell, ein Freund von mir, eröffnete vor einiger Zeit ein Reisebüro. Er setzte es sich zum obersten Ziel, den Wünschen der Kundschaft vollends gerecht zu werden, und durfte es sich aus diesem Grunde auch nicht leisten, von umständlichen und kostspieligen Forderungen zurückzuschrecken.
Herr Sell war der geborene Geschäftsmann, er konnte das Behagen seiner Kunden an deren Nasen ablesen, Unzufriedenheiten bemerkte er schon aus beachtlicher Distanz.
Es verging kaum ein Jahr, bis Herr Sell schon mit radikalen Veränderungen aufwartete. Er hatte sich während der ersten Sommer- und Wintersaison tonnenweise Notizen gemacht und vermochte nun seine Schlüsse daraus zu ziehen. Er stellte fest, dass ein Grossteil seiner Kundschaft im Ausland das gleiche Problem hatte: Die Andersartigkeit, das Fremde machte ihnen zu schaffen. In dem einen Land fährt man links, in einem anderen rechts, einmal muss man bei der Bestellung garçon und bière rufen, ein anderes mal waiter und beer. Und überhaupt, anderes Geld, andere Sitten, kuriose Tiere und Pflanzen, wer kann denn da noch den Durchblick behalten?
Als ein mögliches Ferienziel würde sich da natürlich Ibiza anerbieten. Leider gibt es da ein Problem: Obwohl in Ibiza eine Dichte von 5Menschen/m² durchaus gängig ist, wäre es trotzdem unmöglich alle Reisenden nach Ibiza zu schicken (selbst wenn alle Einheimischen verschifft würden), denn das Land ist jetzt schon so ausgelastet, dass nicht wenige Touristen damit Vorlieb nehmen, ihre Nachtruhe (sofern es die auf Ibiza gibt) auf einer Luftmatratze im Meer zu verbringen.
Traurig sah sich Herr Sell angesichts der Tatsachen gezwungen, diesen Plan zu verwerfen und einen anderen Weg zu finden. Er verbrachte mehrere schlaflose Nächte, bis er schliesslich von DER ultimativen Lösung gepackt wurde:

Herr Sell kaufte die gesamten Sylter Inseln auf und richtete dort ein einmaliges Ferienparadies ein (Leider nahm damit auch eine äusserst erfolgreiche ! Serie ihr Ende). Er liess eine Mauer rund um die Insel bauen, die einerseits ecklige Meerestiere abhielt und andererseits das Wasser zur Insel hin erwärmte. Zum Glück wurde diese Mauer nie entdeckt, da sich ja sowieso kein Mensch weiter als 5 Meter vom Strand entfernte. Des weiteren sorgte Herr Sell dafür, dass die ganze Insel künstlich erwärmt wurde bis ein subtropisches Klima geschaffen war. Wie dies genau geschah, weiss ich heute auch nicht mehr so genau, wenn ich mich recht erinnere, wurde mir erzählt, dass der Schlaue exakt über der Insel ein relativ grosses Ozonloch entstehen liess (od. verursachte) und zusätzlich noch die Hilfe von hypermodernen riesigen Lupen-Konstruktionen in Anspruch nahm.
Da alle Einheimischen schon deutsch zu sprechen vermochten und alle Verkehrsschilder und Gebäude nach hiesigen Gewohnheiten beschriftet waren, fehlte dem perfekten Geschenk nur noch eines: Ein Flughafen.
Alsbald wurde mit den Bauarbeiten begonnen, damit die jungfräuliche Insel auch bereit für den Massenansturm der nächsten Saison sein werde.

Ja, von nun an hatte Herr Sell ein wahrhaft unbezahlbares Schnäppchen in seiner Tasche. Egal, ob die Kunden eine Reise nach Hawaii, Australien oder Südafrika buchten, sie wurden alle am Flughafen von Sylt, dem exotischen Ferienparadies,  abgeladen, ohne davon auch nur die geringste Ahnung zu haben. Den Leuten gefiel es, endlich war es in den Ferien fast wie zu Hause.

Auch in der Skisaison gab es revolutionäre Neuerungen. Fast alle Skifahrer regten sich darüber auf, dass es in den Skiferien immer so kalt war. Ausserdem werde man beim Sonnenbad in der Stammbeiz ja nicht einmal richtig braun. Eine Minderheit brachte ausserdem die Klage an, dass viele Restaurants von der Talstation ohne Holzbretter unter den Füssen gar nicht erreichbar seien.

Aber auch diese Misstände vermochte Herr Sell spielend zu beseitigen. Er pachtete ein gutes Stück Land in der Wüste Sahara und liess den Sand mit mehreren Tonnen Farbe weiss färben. Damit die Landschaft einigermassen gleich aussah, wurden vom Bagger Erhebungen herbeigezaubert und Plastikbäume und Plastiktiere zur Verzierung aufgestellt. Das allerwichtigste waren natürlich die riesigen neuen Gastwirtschaften, in denen Innerschweizer Handörgeligruppen „heimelig" musizierten.
Und auch dieses Projekt erwies sich als Schuss ins Schwarze. Endlich konnte man die Winterferien in Shorts verbringen.
Es gibt ja sogar heutzutage noch solch lebensmüde Menschen, die sich dazu verleiten lassen, sich aus ihrem Liegestuhl zu erheben, sich Bretter unter die Füsse zu binden und den Hang hinunterzukollern. Diese Sorte Mensch beschlich früher oder später das Gefühl, dass der Schnee irgendwie komisch sei. Das kalte Bier und die „fäzige" Musik trugen aber dazu bei, dass sie bald aufhörten, das Gehirn mit solchen Gedanken zu belasten.

So kam es, dass Herr Sells Reisebüro einige Jahre florierte .
Aber weil sich der Geschmack der Menschen ändert und Herr Sell immer die gleiche Schiene fuhr, geriet das Geschäft in eine ernsthafte Krise.
Die Leute meckerten was das Zeug hielt, der Urlaub sei zu langweilig und abwechslungslos. Sie forderten mehr Action und Aufregung. Als sich auch Extremsportarten nicht als erfolgreich erwiesen, mussten Herrn Sells Gehirnzellen wieder einmal schlaflose Nächte hinnehmen.

Nach einer Woche war dann das Ergebnis sichtbar. Überall waren Reklameschilder von spektakulären atemberaubenden neuen Angeboten aufgehängt:

- Der Wilde Osten im Trend  (Ägypten - Buchen sie nicht retour)

- 1 Woche in einem russischen Kernkraftwerk arbeiten (inkl. Kost  und Logis)

- Karneval in Paris: Als Prinzessin verkleidet den Papparazis   entfliehen

- Zürich: Goldgraben in schweizer Grossbanken

- Fasten - einmal anders: Überlebenswoche in Äthiopien

- Bombastische Religionswochen in Irland (mit Kirchenbesichtigung)

- Tibet, wo das Gras am grünsten ist

- 1 mal Weltall und (vielleicht) zurück. Russische Raketen machen`s  möglich

(pjotr`97)

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